Grober Behandlungsfehler bei HWS-Operation – OLG Hamm spricht Patientin 400.000 Euro Schmerzensgeld zu

Veröffentlicht am: 12.03.2018

Nach einer Operation an der Halswirbelsäule ist eine Patientin querschnittsgelähmt. Das Oberlandesgericht Hamm spricht der Frau mit Urteil vom 11.11.2016 Schmerzensgeld in Höhe von 400.000 Euro aufgrund zum Teil grober Behandlungsfehler zu (Az.: 26 U 111/15).

Wie das OLG Hamm ausführt, kann die Vornahme eines schwerwiegenden operativen Eingriffs, wie hier die HWS-OP, ohne eine zuvor gesicherte Diagnose als grober Behandlungsfehler zu werten sein. Zudem stellte es fest, dass eine Operation nicht indiziert ist, wenn vor der OP eine neurologische Untersuchung geboten ist und diese ausbleibt.

In dem zu Grunde liegenden Fall klagte eine Krankenschwester seit Jahren über Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule. Nach einer Untersuchung im Krankenhaus wurde ihr eine Operation im Bereich der Halswirbelsäule empfohlen. Dabei sollte eine Bandscheibenprothese implantiert und mehrere Wirbel versteift werden. Schon unmittelbar nach dem operativen Eingriff wurde eine zunehmende Schwäche aller vier Extremitäten festgestellt. Die Patientin konnte nur noch den rechten Arm sowie die Zehen bewegen und hatte insbesondere kein Empfindungsvermögen mehr. Auch eine Revisionsoperation brachte keinen Erfolg. Die Frau ist unterhalb des dritten Halswirbels querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie klagte auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, da die Operation nicht angezeigt gewesen und zudem fehlerhaft ausgeführt worden sei.

Wie schon vor dem Landgericht Arnsberg hatte die Klage auch vor dem OLG Hamm Erfolg. Nach einem medizinischen Sachverständigengutachten stehe fest, dass dem beklagten Krankenhaus grobe Behandlungsfehler unterlaufen sind, die auch ursächlich für die Querschnittslähmung seien, so das OLG.

Der 26. Zivilsenat des OLG Hamm stellte gleich mehrere Behandlungsfehler fest. So seien die Befunde unvollständig und eine erforderliche MRT-Untersuchung erst gar nicht durchgeführt worden. Außerdem habe keine absolute Indikation für die OP bestanden und die Möglichkeit einer weiteren konservativen Behandlung hätte abgeklärt werden müssen. Zudem sei auch die gewählte Operationsmethode fehlerhaft gewesen.

Schon die unterlassene Befunderhebung sei als grob fehlerhaft zu beurteilen; auch aus einer Gesamtschau mit den weiteren Fehlern in der Diagnostik und Operationsplanung ergebe sich eine grob fehlerhafte Behandlung. Die schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen rechtfertigten daher ein Schmerzensgeld in Höhe von 400.000 Euro, so das OLG Hamm.

„Die Behandlungsfehler haben für die Frau fatale Folgen. Bei einer richtigen Behandlung wäre ihr ein Leben im Rollstuhl höchstwahrscheinlich erspart geblieben. Auch wenn es nur ein schwacher Trost ist – aber immerhin können die Verantwortlichen bei derartigen Behandlungsfehlern in Anspruch genommen werden“, sagt Rechtsanwältin Annika Brčvak, KQP Rechtsanwälte / Hamm, die sich auf das Arzthaftungsrecht spezialisiert hat.

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