OLG Hamm: Hausarzt übersieht Kompartmentsyndrom

Veröffentlicht am: 15.08.2017

Immer wieder unterlaufen Ärzten vermeidbare Fehler, weil sie nicht ‘genau hinschauen’ und/oder Beschwerden des Patienten nicht ernst (genug) nehmen. Die Folgen können, wie in einem Fall, den das Oberlandesgericht Hamm nunmehr entschieden hat (Urt. v. 13.06.2017 – 26 U 59/16), gravierend sein.

Der dortige Patient hatte sich bei einem Unfall eine Prellung am rechten Unterarm zugezogen. Nach der Erstversorgung begab er sich nur wenige Tage später zur Nachsorge zu seinem Hausarzt. Es folgten binnen weniger Tage zwei weitere Untersuchungstermine sowie ein telefonisches Gespräch.

Das Gericht wirft dem beklagten Arzt vor, nicht bereits bei der ersten Untersuchung den Gips abgenommen und den betroffenen Bereich gesichtet zu haben. Bereits zu diesem Zeitpunkt, spätestens aber drei Tage später, hatte sich beim Patienten – vom Arzt nicht erkannt – ein sog. Kompartmentsyndrom herausgebildet, welches zu einem ansteigenden Druck innerhalb des betroffenen Areals führt.

Dabei hätte dem Arzt auffallen müssen, dass die Prellung eine Woche nach dem Unfall nicht nur nicht heilte, sondern sich zwischenzeitlich Symptome herausgebildet hatten, die typisch sind für ein Kompartmentsyndrom. Dies hätte ihn dazu veranlassen müssen, den Patienten unverzüglich in eine chirurgische Behandlung zu überweisen. Stattdessen verabreichte er lediglich ein Schmerzmittel in ungewöhnlich hoher Dosis.

Als der Arzt den Patienten Tage später schließlich an einen Fachkollegen überwies, waren die Gewebeschäden so weit fortgeschritten, dass der Unterarm amputiert werden musste. Da das Gericht dieses Handeln als schlechterdings nicht mehr nachvollziehbar und groben Behandlungsfehler bewertet hat, geht es aufgrund der daraus folgenden Beweislastumkehr davon aus, dass ein früherer Ausschluss eines Kompartmentsyndroms durch den Arzt die schwerwiegenden Folgen mit großer Wahrscheinlichkeit verhindert hätte. Eine derart schwerwiegende Erkrankung erfordere zwingend möglichst frühzeitig ihren diagnostischen Ausschluss, insbesondere, wenn sich die typischen Symptome für eine solche Erkrankung zeigten.

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