Geburtsschäden – Wenn beim Start ins Leben Fehler unterlaufen!

1. Trotz stetigen Fortschritts in Wissenschaft und Technik nehmen die Fälle, in denen Neugeborene als Folge von fehlerhafter Behandlung durch Ärzte und/oder Hebammen schwerste Schäden erleiden, kein Ende. Die Folgen für die betroffenen Familien sind sowohl in emotionaler als auch finanzieller Hinsicht gravierend, steht doch häufig die lebenslange Pflege des geschädigten Kindes im Raum, wenn etwa eine Sauerstoffunterversorgung zu schweren Hirnschädigungen und hieraus resultierenden dauerhaften körperlichen und/oder geistigen Behinderungen führt.

Häufige Fehlerursache: Mangelndes Personal und mangelnde Qualifikation der medizinisch Handelnden. Gerade in kleineren Kliniken stellt neben der in allen medizinischen Einrichtungen bestehenden Personalknappheit die fehlende Schulung im Umgang mit Komplikationen das Hauptproblem dar.

Ursächlich für die Kindschädigungen können dabei Fehler in jedem Abschnitt der Schwangerschaft sein, von den Voruntersuchungen über den Geburtsvorgang bis hin zur Geburtsnachsorge.

Die häufigsten Fehlerquellen sind:

  • Mangelnde Aufklärung;
  • Nichtreaktion auf Schwangerschaftsrisiken (Mehrlingsschwangerschaften, Krankheiten der Mutter, Alkoholabhängigkeit, Drogenmissbrauch), unterlassene Voruntersuchungen;
  • verspätete Verlegung in eine Perinatalklinik (z.B. nach Amnioninfektion);
  • falsch gewählter Zeitpunkt der Geburtseinleitung (z.B. Notkaiserschnitt zu spät oder nicht eingeleitet, Frühgeburt wird nicht verhindert), falsche Abwägung der Risiken zwischen einer natürlichen Geburt und einem Kaiserschnitt;
  • Nichterkennen von Übergröße oder Übergewicht des Kindes;
  • Gesundheitsprobleme des Kindes nach der Geburt.

2. Ist ein Geburtsschaden eingetreten, können die betroffenen Eltern Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche für ihr Kind gegenüber den Beteiligten (Klinik, Ärzten, Hebammen, so diese ein Verschulden trifft) geltend machen. Teilweise können hierbei im außergerichtlichen Bereich mit den betroffenen Kliniken und Ärzten/Hebammen sinnvolle Vergleiche geschlossen werden. Da jedoch für die Zukunft häufig noch nicht feststeht, welche Ausgleichsmaßnahmen erforderlich werden und welche Kosten für die Pflege des Kindes entstehen, ist oftmals der einzig gangbare Weg die Anrufung der Gerichte, welche auf Antrag auch feststellen, dass der jeweilige Haftende verpflichtet ist, künftig noch entstehende Schäden zu ersetzen.

Ersatzfähige Schäden stellen etwa die Kosten für notwendige Folgebehandlungen, Therapiekosten für Mutter und Kind, Kosten für Medikamente oder medizinische Hilfsmittel, Kosten für einen behindertengerechten Umbau des Hauses, Erwerbsminderungsschäden, Unterhaltsschäden u.a. dar.

Daneben stehen den Betroffenen wegen der fehlenden Möglichkeit, den regulären Gesundheitszustand des Kindes wiederherzustellen, in der Regel erhebliche Ansprüche auf Schmerzensgeld zu. Die Höhe des Schmerzensgeldes variiert dabei je nach den Umständen des Einzelfalles, wobei sich eine sehr umfangreiche Rechtsprechung ausgebildet hat, die grobe Richtwerte für die Höhe des Schmerzensgeldes bei bestimmten Verletzungen und Beeinträchtigungen gibt.

So hat etwa das Landgericht Offenburg mit Urteil vom 01.09.2017 (Az. 3 O 386/14) wegen schwerer Behandlungsfehler bei einer Frühgeburt das betroffene Klinikum und einen zuständigen Arzt verurteilt, 550.000 € Schmerzensgeld zu zahlen. Das geschädigte, heute achtjährige Mädchen erlitt bei der Geburt Hirnblutungen, welche Bewegungsstörungen, Blindheit und Epilepsie auslösten.

Das Oberlandesgericht Hamm hat mit Urteil vom 17.03.2015 (I-26 U 108/13, 26 U 108/13) beispielsweise bei einer spastischen Tetraplegie als Folge einer Sauerstoffunterversorgung wegen eines zu spät eingeleiteten Notkaiserschnitts ein Schmerzensgeld i.H.v. 300.000 € zugesprochen.

Ob die Häufigkeit von Geburtsschäden wegen der ab dem 01.01.2017 gemäß der ‚Richtlinie zur Qualitätssicherung der Versorgung von Früh- und Reifgeborenen‘ geltenden neuen Regelungen zum einzuhaltenden Personalschlüssel, wonach das Vorhalten mindestens eines Gesundheits- und Kinderkrankenpflegers je intensivtherapiepflichtigem Frühgeborenen erforderlich sein kann, abnehmen wird, bleibt abzuwarten.

Um die finanzielle Absicherung des geschädigten Kindes und seiner Familie sicherzustellen, ist es bei gegebenem Verdacht auf einen Behandlungsfehler unerlässlich, kompetenten juristischen Rat in Anspruch zu nehmen, um die Ansprüche mit Nachdruck durchzusetzen und eine Verjährung derselben zu verhindern.